ISBN 978-3-456-84913-3
 
 
 

Interview mit Françoise D. Alsaker, Autorin der Publikation "Mutig gegen Mobbing in Kindergarten und Schule", 2012

Prof. Dr. Françoise Alsaker lehrt an der Universität Bern Entwicklungspsychologie. Sie forscht seit vielen Jahren zum Thema Mobbing in Schule und Kindergarten und ist eine international anerkannte Expertin zum Thema.

 

Weshalb haben Sie angefangen, sich für das Thema Mobbing zu interessieren?

 

Ich arbeitete in den 1990er Jahren in Norwegen mit Dan Olweus zusammen, dem Pionier im Bereich Mobbingforschung, und hatte so die Möglichkeit, Mobbing in Verbindung mit Selbstwert zu studieren. Ich entdeckte dabei, dass der Einfluss von Mobbingerfahrungen stärker als die meisten anderen Einflussfaktoren in der Adoleszenz war.

 

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Buch, und wen wollen Sie damit erreichen?

 

Ich entschied mich dieses Buch zu schreiben aus hauptsächlich drei Gründen: Erstens bin ich weltweit immer noch eine der sehr wenigen Forscherinnen, die sich für die Problematik von Mobbing im Kindergarten interessieren und es liegt mir am Herzen, Information zu Mobbing sowohl bei jüngeren Kindern als auch bei Jugendlichen zu verbreiten. Zweitens, wollte ich gezielt Personen erreichen, die täglich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Und drittens wollte ich ein Buch schreiben, das konkrete, praktische und leicht umsetzbare Anleitungen zum Umgang mit Mobbing enthielt.

 

Was ist Mobbing eigentlich genau? Und wie unterscheidet sich Mobbing von Witzeleien zwischen Jugendlichen?

 

Von Mobbing spricht man , wenn ein Kind regelmässig und systematisch von anderen Kindern direkt oder indirekt, körperlich oder psychisch verletzt wird. Mobbing geschieht oft im Verborgenen und seit einiger Zeit auch auf dem elektronischen Weg via Natel und Internet Plattformen.

Mobbing unterscheidet sich klar von Witzeleien, spielerischen Raufereien und Konflikten, die zur sozialen Entwicklung beitragen. Geschieht dies aber gegen den Willen eines Kindes, kann es sich auch hier um Mobbingelemente handeln. Es geht also um Machtausübung.

 

Was sind die konkreten Folgen für die Opfer?

 

Die Folgen für die Opfer äussern sich häufig in Schulunlust, psychosomatischen Beschwerden, Schlafstörungen, Angst, Depression und in gewissen Fällen auch in Suizid.  Die gesundheitlichen Folgen hängen mit den zentralen Charakteristiken von Mobbing  zusammen: Dem  Kind wird oft suggeriert, dass mit ihm etwas nicht stimmt, dass es sogar selbst Schuld  an der Situation ist. Es ist hilflos, kann sich nicht zur  Wehr  zu  setzen vor allem wenn Mobbing bagatellisiert oder ganz verschwiegen wird:

 

Was weiss man über das Ausmass von Mobbing in der Schweiz? Gibt es Zahlen dazu?

 

Es gibt immer wieder Studien, in denen die Verbreitung von Mobbing in Schweizer Stichproben erhoben wird. Wichtig ist allerdings, dass man sich an gewissen Kriterien hält, welche die Definition von Mobbing respektieren. Das heisst, man sollte den Begriff Mobbing erst verwenden, wenn die relevanten Geschehnisse mindestens einmal pro Woche vorkommen und dies über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten. Wenn man dies macht, kann man sagen, dass ungefähr 10% der Schweizer Kinder und Jugendlichen Mobbingopfer sind.

 

Wie erkennt man Mobbing? Gibt es Instrumente oder Schulungen für Lehrkräfte?

 

Es ist wichtig Situationen sehr früh zu erkennen, die sich zu Mobbing entwickeln könnten. Man muss sehr wachsam sein und lernen zwischen Spass und Ernst zu unterscheiden. Sobald man beobachtet, dass ein Kind ausgegrenzt wird, dass verletzende Sprüche verwendet werden, dass die Stimmung oder das Verhalten eines Kindes sich verändern, sollte man genauer hinschauen. Mein Buch gibt hier sehr genaue Informationen über Techniken, die man verwenden kann, um sich selbst zu sensibilisieren. Weiterbildungen werden von verschiedenen Stellen angeboten, auch in geringem Ausmass von uns (www.praevention-alsaker.unibe.ch).

 

Kann man Mobbing vorbeugen? Welche anerkannten, wirkungsvollen Ansätze gibt es?

 

Im Buchteil „Prävention von Mobbing“ werden die 6 Schritte des Berner Be-Prox-Programms beschrieben. Eine klare Voraussetzung für eine effiziente Prävention ist das, was ich Sensibilisierung nenne. Ein differenziertes Wissen und ein Verständnis für die Konsequenzen von Mobbing sind unabdingbar (Schritt 1). Der 2. Schritt, heisst Hinschauen lernen und wird vom Ausüben direkter Kommunikationsformen gefolgt (Schritt 3). Viele Erwachsene haben immer noch Angst davor, über Mobbing zu reden. Sie befürchten, dass die Macht der Mobber verstärkt wird. Danach kommen verpflichtende Abmachungen mit den Schülern und Schülerinnen (Schritt 4) und natürlich der Wille „dran zu bleiben“, d.h. positiv und negativ zu sanktionieren, weiter zu beobachten und miteinander zu reden (Schritt 5). Der 6. Schritt besteht darin, Kompetenzen der Schüler zu stärken. Sehr wichtig bei allen Schritten ist mir die Partizipation der Schüler und Schülerinnen. Nur durch Partizipation entwickelt sie ein Gefühl der Mitverantwortung für das Wohl aller in der Klasse. Diese Elemente findet man in vielen der Programme, die sich als effizient in der Prävention von Mobbing gezeigt haben.

Ein äusserst wichtiges Instrument gegen Mobbing wäre,  dass die Prävention von Mobbing Teil der Ausbildung aller Lehrpersonen und Fachpersonen wäre. Wir sind noch lange nicht am Ziel diesbezüglich.

 

Wie muss man auf Mobbing reagieren? Wer kann was machen? (Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler)

 

Die Personen, die mit Mobbing im Schulalltag konfrontiert werden, sind die Lehrpersonen und die Mitschüler. Diese können gemeinsam Mobbing stoppen, besonders wenn es früh erkannt wird. Eine sehr klare Stellungnahme durch die Lehrperson und die Mitarbeit aller Schüler ist dabei zentral. Wichtig ist, dass auch Eltern einbezogen werden und sehr klare Anti-Mobbing Normen vermitteln. Und wenn ein Kind bereits Opfer geworden wird, braucht es die Zusicherung der Eltern, dass sie ihr Kind verstehen, ernst nehmen und mögen. Opferkinder brauchen viel Unterstützung bis das Mobbing aufgelöst wird.

 

Hinweis auf: www.kanderstegdeclaration.com