« En découdre avec la violence – La médiation scolaire par les pairs » 
Dieses Werk (Verlag ies) von Didier Pingeon ist das Ergebnis von Erwägungen, Forschungsarbeiten und Pilotversuchen im Bereich der Mediation an Schulen in der Westschweiz. Der Autor gibt Einblick in die theoretischen und praktischen Wurzeln seiner Arbeit. Er liefert auch einige Anhaltspunkte für Fachleute, die sich für die Mediation unter Schüler/-innen interessieren.

 
 
 

Jugendliche Freiwillige mit Schulung in konstruktiver Konfliktlösung

Peer-Mediation ist ein kooperativer Prozess zur gewaltfreien Konfliktlösung. Freiwillige Schüler/-innen, die für die Tätigkeit als Vermittler/-in geschult wurden, intervenieren bei ihren gleichaltrigen oder etwas jüngeren Kameraden/-innen bei Streitigkeiten, Schlägereien, Spott, Beleidigungen und anderen Gewaltakten. Sie helfen ihnen, eine Lösung ohne Gewinner und Verlierer auszuhandeln, und tragen zu ausgeglichenen Kräfteverhältnissen, konstruktiven Ansätzen und besserem Zusammenleben bei. Sie ergreifen nicht Partei und urteilen nicht. Bei Bedarf schützen sie die schwächeren Kameraden/-innen und nehmen die Hilfe der Lehrkräfte in Anspruch.

Motivierte Erwachsene
Um ein Peer-Mediationsprojekt umzusetzen, benötigt man eine Gruppe Erwachsener, die in der Lage sind, die Schüler/-innen zu schulen und die Peer-Mediation zu entwickeln. Diese Erwachsenen durchlaufen dieselben Schulungsschritte wie die Jugendlichen: Sie lernen, zu kommunizieren und Konflikte zu bewältigen, und machen sich mit Regeln und Grenzen der Mediation sowie mit der Vermittlerrolle vertraut. Sie begleiten dann die Vermittler/-innen bei der Ausübung ihres Amtes und werden von einem Supervisor betreut.  

Psychosoziale Kompetenzen
Die Jugendlichen, die sich als Vermittler/-in engagieren möchten, absolvieren eine mehrtägige Schulung. Rollenspiele und interaktive Workshops ermöglichen ihnen, sicherer und reifer zu werden. Sie erwerben psychosoziale Kompetenzen. Bei diesen Programmen geht es um die Fähigkeit zur Übernahme der Eigenverantwortung, das Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit zur kooperativen Problemlösung und das Erlernen des gegenseitigen Respekts.

Die 5 Phasen der Mediation

  1. Die in den Konflikt involvierten Personen legen der Reihe nach das Problem aus ihrer Sicht dar. Der Vermittler oder die Vermittlerin stellt Fragen, um möglichst gut zu verstehen, was vorgefallen ist. Alle müssen zuhören, ohne den anderen ins Wort zu fallen.
  2. Der Vermittler oder die Vermittlerin wiederholt die Tatsachendarstellung jeder beteiligten Person, ohne etwas daran zu ändern oder zu interpretieren. So wird sichergestellt, dass er oder sie das Gesagte richtig verstanden hat.
  3. Jede beteiligte Person erklärt, was sie angesichts des Problems empfindet.
  4. Der Vermittler oder die Vermittlerin hilft den Beteiligten, selbst Lösungen oder Kompromisse zu finden, mit denen alle einverstanden sind.
  5. Diese Win-Win-Vereinbarung wird zu einer formellen Verpflichtung.
 
 
 

Bewährte Formel

2007 zeigte eine umfassende Metaanalyse, die 36 Forschungsarbeiten in den USA einbezog, dass sich die Peer-Mediation an Schulen positiv auswirkt. Aggressive und asoziale Verhaltensweisen nehmen ab. Ohne Intervention sind schätzungsweise 14 % der Jugendlichen in der Schule in Schlägereien verwickelt. An Schulen, die mit Mediation arbeiten, sind es nur noch 9,5 %.
Ebenso werden mit Mediation weniger Jugendliche von der Schule verwiesen.
Die Wirksamkeit ist bei Schülern/-innen im Alter von 14 bis 17 Jahren höher. Bei Kindern zwischen 5 und 9 Jahren ist die Wirkung deutlich geringer.
Festzuhalten ist auch, dass sorgfältig vorbereitete und umgesetzte Programme erfolgreicher sind als jene, die eher improvisiert auf die Beine gestellt wurden.

 
 
 

Programm Peacemaker – Friedensstifter/-innen auf dem Pausenplatz

 
 

Dieses Programm, organisiert vom National Coalition Building Institute Schweiz, ist in der Deutschschweiz sehr verbreitet. Die ganze Schule absolviert eine Friedenswoche. So setzen sich alle Schüler/-innen auf Klassen- und Schulebene sowie auf persönlicher und sozialer Ebene mit diesem Thema auseinander. Nach dieser Sensibilisierungswoche wählen sie «Peacemakers» als Friedensstifter/-innen auf dem Pausenhof. Diese Schüler/-innen werden in Methoden zur friedlichen Konfliktlösung geschult. Sie lernen, bei Konflikten konstruktiv einzugreifen.

 
 
 
 

Peer-Mediation im Quartier Sécheron in Genf

 
 

Auf der Orientierungsstufe des Quartiers Sécheron in Genf läuft seit 1998 ein originelles Peer-Mediationsprogramm, das vom Team von Didier Pingeon, Fachmann für auffällige Verhaltensweisen und Jugendkriminalität, entwickelt wurde. Alle Schüler/-innen werden in Mediation geschult, auch die als schwierig geltenden Kinder. Das Ziel ist die Herbeiführung eines echten Gemeinschaftsgefühls, nicht nur innerhalb, sondern auch ausserhalb der Schule. Es handelt sich um eine eigentliche Bürgerschulung.
Die Auswertung des Programms hat gezeigt, dass die Schüler/-innen sich häufig und spontan der Instrumente bedienen, um Konflikte im Keim zu ersticken. Sie nutzen jedoch wenig die Möglichkeit der Mediation auf Verabredung in einem eigens dafür vorgesehenen Raum.
Alle am Projekt beteiligten Akteure stellen nicht nur eine bedeutende Abnahme der Gewalt, sondern auch des davor vorhandenen Unsicherheitsgefühls fest. Der Fortschritt ist auch ausserhalb der Schule spürbar: Schüler/-innen geben an, die Mediation auch beim Sport, im Quartier oder innerhalb der Familie eingesetzt zu haben. Die Eltern haben dieses Vorgehen befürwortet.

 
 
 
 

RCCP, Programm zur kreativen Konfliktlösung

 
 

Dieses in New York initiierte Präventionsprogramm beginnt im Kindergarten und erstreckt sich über die gesamte Schulzeit. Es schafft eine Mediationskultur in der Schule. Dabei werden die Lehrkräfte sensibilisiert, bevor die Vermittler/-innen unter den Schüler/-innen geschult werden.

Von ganz klein an lernen die Kinder, Konflikte zu bewältigen und sich mit Gleichaltrigen besser zu verstehen. Sie entwickeln Kompetenzen wie aktives Zuhören, Gefühlsäusserungen, selbstsicheres Auftreten, Bekämpfung der Diskriminierung, gemeinsame Problemlösung. Die Idee dahinter ist, dass die Kinder sich diese Haltung während der Schulzeit so verinnerlichen, dass sie sie auch als Erwachsene beibehalten.